A Spectre is Haunting the Earth



Installation, diploma, 
Xhibit, Academy of Fine Arts, Vienna 2016
Photos of the exhibition by Angela Strohberger and Udith Dematagoda
Text I Images

Zu Beginn des kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels ist die Sprache von einem „Gespenst, das in Europa umgeht – das Gespenst des Kommunismus“ (1848). Zuvor ist bereits bei Adam Smith die Rede von der Metapher der unsichtbaren Hand (1776), die unter anderem die Selbststeuerung der Wirtschaft über Angebot und Nachfrage auf dem Markt veranschaulicht. Ebenso fand Max Weber zu der sprachlichen Metapher des Geists des Kapitalismus (1904), um die Ursachen und Erscheinungsformen des Kapitalismus sowie die strukturelle Auswirkung des Strebens nach Gewinn und Rentabilität zu erklären. Das hohe Engagement und die starke Einbindung, die am heutigen Arbeitsmarkt gefordert sind, beruhen im Wesentlichen auf dem Wollen, dem eigenen Tun einen Sinn zu geben, der über die einzige Idee, den Profit zu steigern, hinausreicht. Luc Boltanski und Ève Chiapello bezeichnen diesen Sinn als den neuen Geist des Kapitalismus (1999). Die Ideologie des neuen Geists des Kapitalismus rechtfertigt das Engagement innerhalb der kapitalistischen Prozesse. Gerade für die Figur des Künstlers, der Künstlerin, die als Rollenmodell für den neuen und durch und durch flexibilisierten Menschen im Neoliberalismus herangezogen wird, ist es schwierig, zwischen privater und beruflicher Tätigkeit zu unterscheiden. Diese Nicht-Trennung geht nicht selten mit großer Selbstoptimierung und Selbstausbeutung einher.[i]

Diese im Diskurs zur politischen Ökonomie auftauchenden Begriffe - das Gespenst des Kommunismus, die unsichtbare Hand, der (neue) Geist des Kapitalismus - sind somit weniger tatsächlich existierende Wesen als viel mehr Erklärungsmodelle für Zusammenhänge gesellschaftlicher Phänomene. Die Metaphern dienen dabei als anschauliche Bilder und werden herangezogen, um die Weite dieser abstrakten Verhältnisse in einem Denkraum ansatzweise auszuloten. Ein Kerngedanke Foucaults "Ordnung der Dinge", beschreibt das Geschehen in diesem Denkraum: „darin zu analysieren, was sich in distinkten Figuren anordnet, sich aufgrund vielfältiger Beziehungen miteinander verbindet, gemäß spezifischen Regelmäßigkeiten sich behauptet“.[ii] Analog dazu entfalten die einzelnen Arbeiten in der Installation einen Denkraum, der ästhetische Bildformeln neben theoretische Denkfiguren setzt. Die arrangierten Elemente der Installation interpretieren die zu entfremdeten Weltverhältnissen führende Kapitallogik als einen Aspekt dieses komplexen Systems. Dabei schmelzen metaphorische Prozesse sprachlicher oder visueller Erscheinungsfaktoren in die anschauliche Simultanität eines Bildes.

Die Arbeiten Zwischen dem was ich sage und für mich behalte (Leinwand, Kaseinleim, 70x100cm, 2015) und Zwischen dem was ich für mich behalte und erträume (Leinwand, Kaseinleim, 70x90cm, 2015) bilden eine Metapher zum Entfremdungsbegriff. Die aus Leim bestehende Malschicht hinter der ungrundierten Leinwand provoziert aufgrund der Materialeigenschaften ein für die Malerei typisches Schadensbild. Die zerbrochene Oberflächenstruktur korrespondiert bildlich mit der sprachlichen Metapher der zerbrochenen Einheit als Synonym des Entfremdungszustandes.[iii] Auch Hans Barth beschrieb das Verhältnis der Selbstentfremdung, indem er sich der sprachlichen Metapher der Bruchstücke bedient: „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu Ausdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“ [iv]  Die Symbolik des Rades versteht Barth als Metapher einer endlosen Getriebenheit des vereinzelten Individuums in einem System der Ausbeutung. Der Möglichkeit einer inneren Kündigung gleich handelt die Assemblage An das Ohr meines Ohres (Aquarell, Schaumstoff, Bleistift, 30x42cm, 2015) von einer persönlichen Entfremdungserfahrung und von dem individuellen Gefühl der damit einhergehenden Isolation. Doch Bildassoziationen wie Ohren oder Augen lassen die anthropomorphe Gestalt subjekthaft wirken. Als eine Referenz an Max Webers Geist des Kapitalismus bildet das Gebilde der zweiten Collage Cup II (Aquarell, Bleistift, 30x42cm, 2015) einen Knotenpunkt im Beziehungsgefüge der Installation. Es zeigt ein Objekt aus einer einst zerbrochenen, mit einem Drahtgeflecht reparierten Tasse über der eine amorphe Form schwebt. Beide Grafiken spielen auf die kulturell differenzierte Haltung gegenüber dem Wert von Dingen wie Gebrauchs- und Alltagsgegenständen an, die ihre Wurzeln in animistischen Kulturen hat. Als bildliche Metaphern inszenieren die Darstellungen die Beseeltheit der Dinge im Kontext der Entfremdung als utopischen Gegenentwurf, der einen empathischen Beziehungsmodus im Sinne von Resonanz hervorruft. Vor dem Hintergrund der Latourschen Konzepte, allen voran das der Quasi-Objekte, welche Dinge gleichwertig neben Personen als „Aktanten“ begreift, ist menschliches Handeln immer schon mit Dingen verwoben. Im Gefüge der Installationselemente besteht für die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung die Möglichkeit, im Sinne einer aktiven Handlung, mit diesen „Aktanten“ in Beziehung zu treten.[v]

Die Bilder in den fünf Wandhalterungen aus der Serie A Spectre is Haunting the Earth (Serie 1-60, in sechs Schubladenboxen und/oder fünf Werbeprospekthalter, Tinte, Papier, Kleister, Holz, je 30x21cm, 2015-16) können ausgetauscht werden. Für den Entstehungsprozess der Bilder haben sich Tintenfarbstoffe nach dem Trennverfahren der Chromatographie selbständig während eines Verdunstungsprozesses angeordnet. Nach einigen Tagen Entstehungszeit tauchen dabei Strukturen auf, die an auratische oder gespenstische Wesen denken lassen. Die Ergebnisse bedingen sich durch das Mischverhältnis von Wasser und Tinte und durch das Zusammenspiel von Materialeigenschaften und äußeren Faktoren wie Luftfeuchtigkeit und Umgebungstemperatur. In Systembegriffen gedacht, beinhaltet der physikalische Entstehungsprozess der Serie einen Modellcharakter für die von Menschen erzeugten oder natürlich vorhandene Systeme.[vi]  Die vielfältigen amorphen Formen und deren dennoch serieller Charakter stellen eine Analogie zu den unüberschaubaren Akkumulationsprozessen der Kapitalströme her, die mittels abstraktem Zahlencode wie in der Finanzbuchhaltung in eine Ordnung zurückgeführt werden. Die Displaygestaltung der Installation ist an den Kontext der Werbe- und Verkaufsdisplays angelehnt: Werbeprospekthalter und die funktionale Negativform eines Hängelochs, wie es als Teil von Produktverpackungen in der heutigen Massenproduktion praktikabel ist, reflektieren die Wertdimension, die unmittelbar mit Verwertung und Vermarktung verknüpft ist. Durch den Zusammenhang zwischen Lebendigkeit und Wert in der Kunst, schwingt die Kritik an politisch-ökonomischen Verhältnissen der globalen Vermarktung einer seriellen, erkennbaren und gewissen Qualitätsstandards gehorchenden Kunstproduktion mit.

 

 

 

[i]Adam Smith, 1759 Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 2004; Karl Marx und Friedrich Engels Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848; Max Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Mohr, Tübingen 1934; Luc Boltanski und Eve Chiapello Der neue Geist des Kapitalismus Konstanz 2003; Weitere Literatur: Heinz Horst Schrey Entfremdung, Darmstadt 1975; Hartmut Böhme Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek 2006; Hans Barth Über die Idee der Selbstentfremdung des Menschen bei Rousseau, Zeitschrift für Philosophische Forschung 13/1, München 1959 16-35.; Isabelle Graw Der Wert der Ware Kunst, zwölf Thesen zur menschlichen Arbeit, mimetischem Begehren und Lebendigkeit in: Texte zur Kunst, Die Wertfrage – The Question of Value, Heft 88, Berlin 2012 31-59.; Luc Boltanski und Eve Chiapello Die Arbeit und der normative Wandel in: Christoph Menke und Juliane Rebentisch Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010 18-37.; Luc Boltanski und Eve Chiapello Der neue Geist des Kapitalismus Konstanz 2003; Adam Smith, 1759 Theorie der ethischen Gefühle Hamburg 2004; Peter Sloterdijk Weltfremdheit Frankfurt 1993; Bruno Latour, 1947 Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft : Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt am Main 2007; Harmut Rosa Resonanz - Eine Soziologie der Weltbeziehung Berlin 2016; Michel Foucault Archäologie des Wissens, Frankfurt 1973; Herman Melville Bartleby, der Schreiber, 1853 München 2001; Hans Haacke, Edward Fry Werkmonographie - Hans Haacke 1972; Luigi Pirandello Novellen, Der Zug hat gepfiffen Berlin 1961 231-238.; Markus Metz, Georg Seeßlen Geld frisst Kunst - Kunst frisst Geld, Berlin 2014; Stefan Majetschak, Sichtbare Metaphern, Bemerkungen zur Bildlichkeit von Metaphern und Metaphorizität in Bildern, in: Richard Hoppe-Sailer, Claus Volkenandt, Gundolf Winter (Hg.) Logik der Bilder, Präsenz – Repräsentation – Erkenntnis, Berlin 2015 239-253.; Karl Marx und Friedrich Engels Manifest der Kommunistischen Partei London 1848; Eva Schmidt Das Imaginäre des Büros und die Effizienz von Peter Piller in: Peter Piller Vorzüge der Absichtslosigkeit, Museum für Gegenwartskunst Siegen, Gent 2004

[ii] Michel Foucault Archäologie des Wissens, Frankfurt 1973 319.

[iii]„...das Trennen von Zusammengefügtem, für das Zerbrechen der nahtlosen Form, in der einst Werte, Verhalten und Erwartungen zu ineinandergreifenden Formen verschmolzen worden waren.“ Nathan Glatzer The Alienation of Modern Man in: Heinz Horst Schrey Entfremdung, Darmstadt 1975 75.

[iv] Hans Barth Über die Idee der Selbstentfremdung des Menschen bei Rousseau, in: Heinz Schrey Entfremdung 1975 25.

[v] Bruno Latour Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft: Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie Frankfurt 2007

[vi] Hans Haacke, Edward Fry Werkmonographie - Hans Haacke 1972 47.